Belohnung für Dieselgate

30. April 2016  Allgemein

 

Die Regierung bedient die Autoindustrie. Sie gibt ihr saftige Subventionen gegen die Angst, den anderen mit toxischen VWs hinterherzudieseln.
Jahrelang hat die Bundesregierung der Versuchung widerstanden, das Elektroauto mit einer Kaufprämie anschieben zu wollen. Das Projekt erschien aussichtslos, zu groß waren die Probleme der Branche mit ihren kleinen Reichweiten und großen Preisen, mit fehlenden Ladestationen und ohne den Mut, die Autos wirklich kleiner und leichter zu machen.

Stattdessen erinnerten die Batteriefahrzeuge an die Anfänge des Elektroautos Ende des 19. Jahrhunderts, als die Automobiljournalisten bereits erkannten: „Leider ist die Capazität der Elemente eine sehr geringe, die Batterien liefern trotz eines großen Volumens und Gewichts nur sehr wenig und bloß für kurze Zeit elektrischen Strom. Auch sind die Kosten dafür sehr hoch.“
Das Elektroauto des 21. Jahrhunderts war bisher nicht mehr als ein grüner Strohmann. Die PS-Industrie produzierte zu 99 Prozent fossile Benziner und Dieselfahrzeuge, stellte die Stromer aber als glitzernde Wunschmaschinen der automobilen Erneuerung ins Rampenlicht. Nahezu null Absatz, aber schicke Kisten für die Automobilsalons. Und der sanft schnurrende Beweis der Zukunftsfähigkeit. Der fehlende Erfolg erschien dann immer als Versagen der Autokäufer, die einfach zu knauserig sind. Und als Fehler von Schäuble, der keine Prämie rausrückt.
Inzwischen hat sich die Stimmung etwas gedreht. Die Markterfolge des US-Autobauers Tesla und der chinesischen Marke BYD haben den typisch deutschen Angstimpuls ausgelöst, abgehängt zu werden. Die anderen fahren elektrisch voraus, wir dieseln mit unseren toxischen VWs hinterher. Die deutsche Neurose des Anschlussverlierens wird vor allem von den Medien befördert. Die übersehen, wenn sie die Tesla-Verkaufszahlen verbreiten, dass die US-Firma auf einem riesigen Schuldenberg sitzt und ihre Autos eher ein Spielzeug für Reiche sind, als ein vernünftiges Fortbewegungsmittel.
Dass Elektroautos nur dann Umwelt und Klima helfen, wenn ihr Strom komplett aus Erneuerbaren Energien kommt und nicht aus Braunkohle. Dass zukunftsfähige Elektrofahrzeuge nicht die üblichen Großpanzer und Rennautos sein können, die lediglich einen neuen Antrieb bekommen.
Jetzt also doch: eine saftige Subvention für die Autoindustrie. Der es ja auch richtig schlecht geht, weil sie von den Umweltbrigaden übler Machenschaften überführt wurde. Dass die Zunft ausgerechnet zu einem Zeitpunkt Kaufprämien als Belohnung hinterhergeworfen bekommt, an dem sie wie eine kriminelle Vereinigung dasteht, die jahrelang, vorsätzlich und in großem Stil Kunden, Behörden und Öffentlichkeit betrogen und Umwelt und Klima ausgeräuchert hat, das ist die große Pointe in diesem Spiel. Die Bundesregierung, und in ihrem Windschatten auch viele Landesregierungen, bestätigen mit dem Prämien-Vorhaben alte Vorurteile: dass sie nur der Bettvorleger der Autokonzerne sind.
Wo bleiben denn die Kaufprämien für Elektofahrräder, für Elektrorasenmäher, für Elektrokettensägen, für Elektrolaubbläser? Die Reihe von, allerdings nur auf den ersten Blick, umweltschonenden und somit scheinbar subventionsfähigen, wahnsinnig innovativen Produkten ließe sich beliebig verlängern. Daran sieht man/frau, wie absurd gerade die Elektroautoprämie ist. Gering- und Normalverdiener sollen dafür zahlen, das sich Besserverdiener ein Elektroauto leisten können.
Die völlig überlastete Landeshauptstadt Stuttgart bewirbt sich pikanterweise um ein vom Land unterstütztes Testfeld für selbstfahrende Autos. Ziele seien, den Verkehr zu verflüssigen, den Parksuchverkehr zu verringern, die Feinstaubbelastung zu reduzieren und im allgemeinen, so ein grüner Stadtrat, “den Verkehr nachhaltiger zu machen”. Stellt Euch vor, der Verkehr und die Parkplatzsuche würden flüssiger – sofort würden doch noch mehr Menschen mit dem Auto in die Stadt wollen. Ist doch alles easy, dazu noch mit gutem ökologischem Gewissen gepaart.
Mit diesem Pseudo-Öko-Gefasel soll nur abgelenkt werden davon, dass die Herstellung von E-Autos, vor allem wegen der Akkus und der Aluminiumkarrosserien, fast zwei Drittel mehr CO2 frei setzt als konventionelle Autos; dass die Regierungen die Hosen gestrichen voll haben, wesentlich niedriegere Abgasgrenzwerte juristisch hart zu fordern und durchzusetzen; dass für massiven Ausbau, Ökologisierung und Verbilligung des ÖPNVs in unserer Volkswirtschaft scheinbar das Geld fehlt – liegt ja alles in Panama – das gilt übrigens auch für unser Radwegenetz; dass Benzin- und Dieselsteuern drastisch steigen sowie Kerosin- und Schiffsdieselsteuern eingeführt werden sollten; und schlussendlich dass unsere, fette Limousinen fahrenden Regierungsoberen ein Autobahn-Tempolimit von 120 km/h selbstverständlich für unrealisierbar halten – das könnte bei der nächsten Wahl ja mächtig Stimmen kosten.
Fazit: Wir werden dermaßen schlecht regiert und von den Leitmedien (mit Smog?) vernebelt, dass ich bereits von Kaufprämien für Kalaschnikows träumte. Ein neuer Fall Böhmermann?
Wolfgang Schreiner, Attac Esslingen, 27.4.2016
Teilewiese zitiert aus: Manfred Kriener, taz, 27.4.2016

 

 


Hinterlasse einen Kommentar