Aus der Geschichte lernen-nicht wegsehen!

 

Es war ein Freitagabend im Spätherbst 1941, als in Esslingen Menschen ihre Häuser verlassen mussten. Familien, die hier gearbeitet, gefeiert und ihre Kinder großgezogen hatten, wurden mitten in der Stadt, vor den Augen der Nachbarschaft, abtransportiert. Für die meisten von ihnen endete der Weg im Tod. Sammelpunkt für die Juden in Esslingen war der „Platz der SA“, der heutige Hafenmarkt.

Solche Geschichten sind keine fernen Kapitel. Sie spielten sich dort ab, wo wir heute einkaufen, uns treffen und über die Straße gehen. Das macht sie schwer auszuhalten, und genau deshalb sind sie wichtig. Sie zeigen, dass Ausgrenzung selten mit einem großen Knall beginnt, sondern mit Worten, mit Wegsehen, mit dem Gefühl, es gehe einen nichts an.

Erinnern bedeutet deshalb zweierlei: den Opfern ihre Namen und Gesichter zurückzugeben und zu fragen, was wir daraus für heute lernen. Wo beginnt Respekt, wo endet Gleichgültigkeit? Wie sprechen wir übereinander, wenn die Zeiten unruhig sind?

Dass uns solche Fragen auch beim Blick auf aktuelle Konflikte begleiten, etwa im Nahen Osten, ist nicht verwunderlich. Dort haben Menschen auf beiden Seiten tiefe Verletzungen erlebt: Verfolgung und Vernichtung auf der einen, Flucht und Verlust der Heimat auf der anderen Seite. Wer beides ernst nimmt, muss das Leid des einen nicht gegen das des anderen aufrechnen. Mitgefühl ist keine begrenzte Ressource.

Esslingen erinnert sich an die deportierten jüdischen Mitbürger*innen in diesem Jahr am Mittwoch, 11. November, um 18:00 Uhr auf dem Hafenmarkt. Der Abend ist offen für alle, die dort gemeinsam innehalten möchten.